Es ist Juni – Vollmond

Vollmond.

Die andere Seite des Vollmonds. 

Es gibt Tage, an denen viel Zukunft auf viel Vergangenheit trifft. An diesen Tagen dreht sich mein Kopf im Kreis. In einem riesigen Strudel purzeln Gedanken durcheinander und es scheppert im Schädel, wenn sie wiedermal die Richtung ändern.

Immer wenn ich zurück im Dorf bin, wühlt mich das auf. Immer noch, nach all den Jahren. Ich sehe Gesichter, die in eine andere Zeit gehören, manche sitzen an der Theke im Dorfrestaurant, manche sehe ich vorbeigehen. Und von anderen weiß ich genau hinter welchem Fenster auf welcher Couch sie gerade sitzen. Ich bin mit einer Freundin hier, die ich lange nicht gesehen habe. Wir haben uns viel zu erzählen. Von damals, von heute und von morgen. Im Hintergrund läuft Schlagermusik. Letzte Woche war Kirmes – ein bisschen hört es sich an, als halle die Musik aus dem Festzelt noch ein bisschen nach. Wir essen Steak und trinken Bier, während die Sonne hinter den Baumwipfeln untergeht. Der Sturm hat kräftig gewütet heute und die letzten Wolken mitgenommen. Der Himmel erstrahlt in Blau und Orange. Draußen riecht es nach welkem Laub und Feuer.

Um neun Uhr verlassen wir das Restaurant und treten hinaus auf den dunklen Hof. Der Kirmesbaum blinkt bunt vor dem dunklen Sternenhimmel. Über dem Dorfteich lacht der Vollmond. Wir verabschieden uns und verlassen den Parkplatz in unterschiedliche Richtungen. Ich denke an Nummer 7 und biege wie gewohnt zwei Straßen weiter ab und fahre langsam an der großen Hecke vorbei, hinter der sich einst meine ganze kleine Welt erstreckte. Der Mond steht da, wo er Anfang Oktober zu stehen hat und scheint hell durch die Fenster meines Kinderzimmers. Dunkel liegt das Grundstück da, heute ist wohl niemand dort. Ich fahre weiter. Platsch – die Pfütze gab es auch schon immer.

Die Musik laut aufgedreht und den Kopf voll pochender Gedanken fahre ich den Berg hinab in Richtung Stadt und mit jedem Kilometer löst sich die Verwirrung ein wenig auf. Ich beruhige mich mit der Frage, ob die Zukunft nicht vielleicht doch irgendwann ein Stück Vergangenheit zurückbringen kann. Fast haben sich meine Gedanken wieder sortiert. Doch dann stehe ich eine Stunde später auf unserem Balkon und kann den Mond nicht mehr finden.